Die Rechte der Kinder spielen auch in der Psychotherapie eine große Rolle wie dieses ausführliche Gespräch mit Kinderpsychotherapeutin Monika Wicher zeigt.

Teil 1 des dreiteiligen Interviews behandelt die Fragen, warum ein Kind in Psychotherapie kommt und wie die ersten Schritte aussehen.

Kinderbüro: Wann kommt ein Kind in Psychotherapie?

Monika Wicher: Anlass ist oft, dass den Erwachsenen Verhaltensweisen auffallen, die für das Kind oder das Umfeld untragbar scheinen -  die zum Beispiel deinen Aufenthalt im Kindergarten unmöglich machen oder in der Familie wiederkehrend zu ganz viel Streit führen oder wenn das Kind sich selbst verletzt.

 

Kinderbüro: Gibt es ein Mindestalter?

Monika Wicher: Nein, Psychotherapie ist bereits bei Säuglingen möglich und oft sehr sinnvoll, ich denke da zum Beispiel an sogenannte „Schreibabys“. Da kommen die Mütter bzw. die Eltern gemeinsam mit dem Baby in die Therapie. Häufig aber wird Psychotherapie Thema, wenn die Kinder außerhalb von Zuhause in Gruppen kommen, also in die Kinderkrippe, in den Kindergarten oder aber in die Schule.

 

Kinderbüro: Was passiert am Beginn einer Kinderpsychotherapie?

Monika Wicher: Mir persönlich ist es ganz wichtig, dass sich das Kind wohlfühlt und die Therapie Freude macht! Ein Kind zu therapieren bedeutet eine große Verantwortung, nicht zuletzt, weil Kinder, die sich in der Therapie nicht wohlfühlen, dazu tendieren, sich später als Erwachsene keine Hilfe mehr zu holen.

 

"Es geht keinesfalls darum,
das Kind „braver zu machen“!"

Das erste Gespräch führe ich nur mit den Eltern, Elternteilen oder Angehörigen und lasse mir die von den Auffälligkeiten und die Vorgeschichte des Kindes erzählen. Auch der Schwangerschaftsverlauf spielt oft eine Rolle. Jedenfalls soll das Kind selbst keine Klagen oder dramatischen Ereignissen hören müssen! Dann bespreche ich mit den Erwachsenen ihr Ziel für das Kind, wobei ich sehr darauf achte, dass dieses auch wirklich Sinn für das Kind selbst macht! Psychotherapie mit Kindern heißt nicht, dass das Kind „braver gemacht“ werden soll! Manchmal werden die Symptome nach Beginn der Therapie sogar vorübergehend verstärkt.

Kinderpsychotherapie

 

"Das Therapie-Ziel wird mit dem
Kind gemeinsam vereinbart.
Anders geht das gar nicht-
genauso wenig wie bei den Erwachsenen."

Wenn das Kind dann selbst in die Therapiestunde gebracht wird, bekommt es erst einmal etwas zu trinken und zu essen, also Obst oder Süßigkeiten, zur Erwärmung. Dann setzen wir uns gemütlich zusammen und ich erzähle in kindgerechter Sprache, was ich von den Erwachsenen gehört habe und frage nach, ob das Kind dies auch so oder eben anders sieht. Es ist absolut wichtig die Meinung des Kindes einzuholen und das Ziel der Therapie mit dem Kind nochmals gemeinsam zu definieren. Das Kind muss absolut einverstanden sein: „Ja, ich hätte das auch gerne anders in meinem Leben.“ Natürlich wird auch besprochen wie „anders“ ausschauen sollte. Das ist bereits mit Kindergartenkindern möglich. Ich verwende natürlich einfache Worte und eher kurze Sätze, im Bedarf auch Bilder zur Veranschaulichung für das Kind.

 

"Auch in der Kinderpsychotherapie
darf nicht über den Kopf des Kindes
hinweg entschieden werden!"

Kinderbüro: Das Kind darf also nicht gegen seinen Willen therapiert werden?

Monika Wicher: Nein, das Psychotherapiegesetz besagt für Kinder und Erwachsene gleichermaßen: Niemand darf zur Therapie gezwungen werden und jede bzw. jeder darf ihr bzw. sein Therapieziel selbst bestimmen.

 

Lesen Sie  im zweiten Teil des Interviews, welche Rolle das Spielen in der Kinderpsychotherapie hat und wie die Therapieeinheiten aussehen können!

 

Monika Wicher arbeitet als Einzel- und Gruppenpsychotherapeutin und Supervisorin in freier Praxis. Sie ist Lehrtherapeutin für Psychodrama-Psychotherapie im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) und an der Donau-Universität Krems sowie Lehrtherapeutin der ÖAGG-Weiterbildung Psychodrama für Kinder und Jugendliche.

 

Interessante Links zum Thema:

Buchtipps:

  • Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher: "Psychodrama-Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen: Ein Handbuch"
  • Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher: "Theorie und Praxis der Psychodrama-Psychotherapie: In der Anwendung mit Eltern, Kindern und Jugendlichen"
  • Hildegard Pruckner: "Das Spiel ist der Königsweg der Kinder"

Gestärkte Kinderrechte:

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Über die Autorin/den Autor:

Sonja Buchegger

BSc.

Sonja ist im Kinderbüro für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie liebt es Worte an ihren Platz zu bringen und  strukturiert gerne. Oft fragt sie sich, was im Hintergrund passiert. Das mag mit ihrer zweiten Berufung zur Psychotherapeutin zusammenhängen.

Ich bremse auch für Gänseblümchen.