Die Expert*innenmeinungen zum Thema Coronaimpfung für Kinder und Jugendliche divergieren. Hier ein kleiner Überblick über die Empfehlungen wichtiger Institutionen in Österreich und Deutschland.

Viele Eltern schulpflichtiger Kinder haben in den letzten Tagen den Elternbrief der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) erhalten, die eine klare Empfehlung für eine Covid-19-Impfung für Kinder und Jugendliche ausspricht.

Neben dem Argument der Herdenimmunität und der geringen Wahrscheinlichkeit von schweren Nebenwirkungen nach der Impfung wird als Hauptargument für die Impfung der Individualschutz angeführt: Wenngleich Kinder und Jugendliche meist nur leicht an Corona erkranken, sind schwere Verläufe – auch mit Todesfolge – nicht auszuschließen. Einige Daten dazu: Bei 1000 Infektionen von Kindern und Jugendlichen ist mit einem Fall mit schwerem Verlauf zu rechnen. Bislang mussten in Österreich in etwas 500 Patient*innen im Alter bis 19 Jahren wegen Corona stationär behandelt werden; laut Elternbrief sind bislang 5 Todesfälle (mit schweren Vorerkrankungen) in dieser Altersgruppe zu verzeichnen. Da eine Impfung mit hoher Wahrscheinlichkeit – laut Zulassungsstudie sogar zu 100% - vor einem schweren Verlauf schützt, spricht sich die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde für eine Impfung aus: „Dieser„Individualschutz“ ist aus unserer Sicht das wichtigste Argument für eine Impfung – aus derzeitiger Sicht überwiegt der Nutzen ein mögliches Nebenwirkungsrisiko sehr deutlich.“ Das Nationale Impfgremium (NIG) argumentiert im Wesentlichen gleich und schreibt: „Die Impfung wird in Österreich in der Altersgruppe der 12-15-Jährigen gemäß der Priorisierungsliste des NIG empfohlen.“

In Deutschland kommt die Ständige Impfkommission (STIKO) bei gleicher Faktenlage zu einem anderen Schluss: Sie gibt keine allgemeine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab, sondern nur für solche mit einem besonderen Risiko.  Dazu zählen Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen (wie z.B. Herz- oder Immunerkrankungen, Adipositas, Diabetes, chronische Lungenerkrankungen oder Trisomie 21), solche, in deren Umfeld Personen leben, sie sich nicht selbst durch eine Impfung schützen können und Jugendliche mit einem arbeitsbedingt erhöhten Risiko. Begründet wird dies mit der eher geringen Wahrscheinlichkeit von schweren Verläufen im Falle einer Coronainfektion und damit, dass es zur Sicherheit der Impfung von Kindern und Jugendlichen bislang noch zu wenige Daten und Erfahrungen gibt. Außerdem sollten angesichts der Impfstoffknappheit vorrangig ältere Personen, die ein höheres Risiko einer schweren Erkrankung haben, geimpft werden.

In Österreich schloss sich der Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) des Landes Vorarlberg dieser Argumentationslinie an Auch hier wird die Datenlage zur Impfung von Kindern und Jugendlichen als noch nicht ausreichend eingestuft, um eine allgemeine Empfehlung aussprechen zu können. Weiters ist eine Coronaerkrankung keine gefährliche Kinderkrankheit; für Kinder besteht keine medizinische Notsituation. Aus epidemiologischer Sicht wird empfohlen, dass Erwachsene zu impfen, um Coronaausbrüche in Kindergärten und Schulen zu vermeiden. Die Expert*innen rechnen bis Mitte August mit einer wissenschaftlich fundierteren Datenlage - sollte dann eine Impfempfehlung ausgesprochen werden, bleibt ausreichend Zeit, um mit der Impfung von Kindern und Jugendlichen vor Schulbeginn zu starten.

30.6.2021


Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung ist eine persönliche; wissenschaftlich fundierte Informationen können aber helfen, für sich und sein/e Kind/er eine passende Entscheidung zu treffen. Daher wird es an dieser Stelle in Kürze ein Interview mit Dr. Sprenger, Mediziner, Autor und Gesundheitswissenschaftler u.a. mit den Schwerpunkten Public Health und Prävention und als ehemaliges Mitglieder der Coronavirus-Taskforce einem breiterem Publikum bekannt, geben.

Die Freigabe der Corona-Impfung für Kinder ab 12 Jahren wurde in Österreich von offizieller Seite begrüßt. Langsam kommt jedoch eine Diskussion darüber in Gang, ob es sinnvoll und empfehlenswert ist, Kinder und Jugendliche gegen Corona impfen zu lassen. Im Folgenden sind die wesentlichsten Argumente zusammengefasst:

Impfen schützt: Je nach Impfstoff verringert sich die Wahrscheinlichkeit, schwer an Corona zu erkranken, um 70 bis 90 Prozent. Die Zulassungsstudie für die Impfung an Kindern spricht sogar von einem 100% Schutz. 

Kritiker weisen darauf hin, dass Kinder und Jugendliche selten schwer an Corona erkranken. Viele Kinder zeigen keine oder nur leichte Symptome.

Dazu kommen Bedenken, da der Impfstoff noch wenig erprobt ist. Die Zulassungsstudie wurde mit knapp über 2000 Jugendlichen durchgeführt; davon erhielt die Hälfte der Teilnehmer*innen den Impfstoff, die andere Hälfte ein Placebo. 

Doch wir leben in einer Pandemie und in Zeiten wie diesen geht es nicht nur um den individuellen Schutz, sondern auch um den Schutz aller. Je nach Schätzung müsste die Impfquote zwischen 60 und 85 % liegen, um Herdenimmunität gegen Corona zu erreichen. Ein derart hohe Impfquote ist nur zu erreichen, wenn auch Kinder und Jugendliche geimpft werden. 

Aber: Impfungen dienen vorrangig dem eigenen Schutz. Manche finden es nicht vertretbar, Kinder und Jugendliche nicht zum eigenen Schutz, sondern zum Schutz der Allgemeinheit zu impfen. Die Impfung von Kindern und Jugendlichen dient unter diesem Aspekt somit weniger dem Kindeswohl, sondern dem Allgemeinwohl. 

Ein Argument für die Impfung, dass wiederholt ins Treffen geführt wird, bezieht sich nicht auf medizinische Aspekte, sondern auf gesellschaftliche und soziale Auswirkungen: Mit einer Impfung wird der Zugang zum gesellschaftlichen Leben (Besuche von Sportstätten, Lokalen etc.) erleichtert. Schließt man Kinder und Jugendliche von der Impfung aus, wäre das eine Diskriminierung dieser Altersgruppe. Einige sehen in der Impfung auch die einzige Möglichkeit, im Herbst einen normalen Schulbetrieb aufrecht erhalten zu können.

Letztendlich geht es bei der Corona-Impfung – wie bei jeder Impfung – um die Abwägung von Nutzen und Risiko. Es braucht seriöse Empfehlungen von Fachleuten, anhand derer Eltern, Kinder und Jugendliche ihre individuelle Entscheidung treffen können. 

25.6.2021

Quellen (Auswahl, laufend aktualisiert):

https://www.paediatrie.at/images/Covid19/elternbrief.pdf

https://www.sozialministerium.at/Corona-Schutzimpfung/Corona-Schutzimpfung---Fachinformationen.html

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/23_21.pdf?__blob=publicationFile

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/Infoblatt_Impfung_Kinder_und_Jugendliche.pdf?__blob=publicationFile

https://www.aks.or.at/presseartikel/12-15-jaehrige-corona-impfung-ja-oder-nein/

https://vorarlberg.orf.at/stories/3107945

https://www.paediatrie.at/images/Covid19/2021-05-31-presseaussendung_covid-impfung-bei-kindern_oegkj_2021_05_31.pdf

https://www.paediatrie.at/covid

https://www.dw.com/de/faktencheck-wie-sinnvoll-sind-corona-impfungen-f%C3%BCr-kinder-und-jugendliche/a-57615466

https://www.derstandard.at/story/2000127009972/pro-und-kontra-kinder-gegen-corona-

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/corona-aerzte-zu-impfungen-fuer-kinder-100.html

Quergeschrieben von Gundula Walterskirchen (Presse vom 10.5.2021)

Weiterführend:

https://steiermark.orf.at/stories/3107265

https://www.paediatrie.at/covid

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