Unlängst durfte ich mich bei der Fachtagung „Mobbing verstehen und entsprechend handeln“, organisiert von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Steiermark, weiterbilden. Mehrfach – in den Eröffnungsstatements bis hin zu den Schlussworten – wurde von Verantwortung gesprochen. Aber wen betrifft sie im Anlassfall? Und wie?

Begriffsklärungen

Mobbing bedeutet die wiederholte und systematische Durchführung von schikanösen Handlungen, die auf die soziale Isolation der Betroffen abzielen.[1]

Abzugrenzen sind dazu einzelne Konflikte oder Streits, also das offene Austragen von Meinungsverschiedenheiten.[2]

Das Wörterbuch Duden definiert den Begriff Verantwortung (unter anderem) als „[mit einer bestimmten Aufgabe, einer bestimmten Stellung verbundene] Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass (innerhalb eines bestimmten Rahmens) alles einen möglichst guten Verlauf nimmt, das jeweils Notwendige und Richtige getan wird und möglichst kein Schaden entsteht.“[3]

Ohne uns Erwachsene geht es nicht…

Klar ist: Kinder in Mobbingsituationen – als Betroffene, Täter*innen, aber auch als Außenstehende –  sind immer auf die Unterstützung von uns Erwachsenen angewiesen. Kinder können sich das in dem meisten Fällen nicht „untereinander ausmachen“. Bei Mobbing handelt sich um eine Form psychischer Gewalt, die schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann. Folglich sind es Eltern, Bezugspersonen, Pädagog*innen oder andere Betreuungspersonen, die Verantwortung übernehmen müssen. Sie haben per definitionem das Notwendige zu tun, damit alles eine möglichst guten Verlauf nimmt und möglichst wenig Schaden entsteht. Was heißt das konkret?


Eltern und die Verantwortung

Aufklären
Mobbing sollte zuhause zum Thema gemacht werden. Nur wenn die Kinder wissen, was Mobbing ist, können sie im Anlassfall – als Betroffene, aber auch als Beobachter*innen – Hilfe holen.

Hinschauen
Geht ein Kind nicht mehr gerne in die Schule? Zieht es sich zurück, wirkt es neuerdings niedergeschlagen oder aggressiv?

Nachfragen
Wenn also Eltern den Verdacht hegen, dass ihr Kind gemobbt wird, sollten sie einfühlsam nachfragen, was wo nicht in Ordnung ist. Zuerst sollte immer das Gespräch mit dem Kind gesucht werden!

Unterstützung holen
Wenn Eltern schließlich feststellen, dass ihr Kind gemobbt wird, sollten sie je nach Setting mit den Betreuungspersonen Kontakt aufnehmen. In der Schule wäre dies beispielsweise der/die Klassen- oder Vertrauenslehrer*in, im Verein oder anderen Betreuungssituationen, die jeweilige Leitungsperson – der/die Trainer*in, der/die Chorleiter*in etc.

Bei allen Fragen zum Thema oder Unsicherheiten gibt es öffentliche Einrichtungen wie die Anlauf- und Koordinierungsstelle bei Mobbing, die weiterhelfen können.

Stützen
Wichtig ist, dass sich das Kind ernst genommen fühlt und erfährt, dass es mit dem Problem nicht allein gelassen wird!

Grenzen setzen
Und wenn das eigene Kind mobbt? Dann gilt es ganz klar Grenzen zu setzen. Es sollte vermittelt werden, dass es ok ist, jemanden nicht zu mögen, aber solches Verhalten nicht akzeptierbar ist.[4]


Pädagog*innen & Betreuungspersonen und die Verantwortung

Aufklären
Es geht darum Bewusstsein zu schaffen und über mögliche Hilfsangebote zu informieren.

Hinschauen
Oft ist Mobbing nicht leicht feststellbar, weil es nicht offen bzw. in unbeobachteten Momenten erfolgt. Aufmerksamkeit ist gefragt:  Haben sich Kinder in ihrem Verhalten verändert oder gibt es psychische Anzeichen?

Nachfragen
Auch hier gilt es bei Verdacht zuerst mit den möglichen Opfern zu reden und weitere Schritte zu besprechen.

Unterstützung holen
In der Schule kann es hilfreich sein, sich mit anderen KollegInnen zusammen zu tun und gemeinsame  Handlungsoptionen auszumachen.

Sehr vielversprechend ist der No Blame Ansatz[5].
Hierbei geht es nicht um Zurechtweisung oder gar Bestrafung von Täter*innen, welche meist nicht viel bringen. Täter*innen werden gemeinsam mit Helfer*innen aus der Klasse oder Gruppe unterstützend ins Boot geholt! Wie das aussehen kann,  zeigt folgendes Video:



Interessanter Aspekt: Mit dieser Methode werden auch Kinder in die Verantwortung genommen -  im Sinn von „Was kann jede*r von uns tun, damit es dem betroffenen Kind besser geht?“

Auch hier helfen in allen Fragen zum Thema öffentliche Einrichtungen wie beispielsweise in der Steiermark die Anlauf- und Koordinierungsstelle bei Mobbing weiter.

Stützen
Die Botschaft an das betroffene Kind muss ganz klar sein, dass es in dieser Situation nicht alleine ist!


Zivilcourage vorleben

Kinder in Mobbingsituationen lassen sich (genauso wie Erwachsene) grob  in Opfer, Täter*innen, Verstärker*innen, Verteidiger*innen und meist eine relativ große Gruppe von Außenstehenden einteilen. Letzterer kommt wesentliche Bedeutung zu. Könnte doch das Eingreifen, also das Verteidigen der Opfer, die Mobbinghandlungen der Täter*innen und Verstärker*innen zumindest eindämmen. Außenstehende, die immer wieder Zeug*innen von Mobbing sind, könnten Leid verhindern, wenn sie das Beobachtete erwachsenen Vertrauenspersonen mitteilen. Hier kommt die Zivilcourage ins Spiel.

Von Zivilcourage spricht man, wenn im persönlichen unmittelbaren Wirkungs- und Gestaltungsbereich Verantwortung wahrgenommen wird. [6] Kinder lernen unter anderem durch Nachahmung und Identifikation mit erwachsenen Bezugspersonen.

Was kennzeichnet couragierte Menschen? Hier einige Beispiele:[7]

  • Verantwortlichkeit für das eigene Tun und die Auswirkungen fühlen, d.h. die Verantwortung wird
    nicht auf eine »höhere Instanz« abgeschoben
  • Glaube an die eigene Wirkungskraft: Ich kann etwas verändern
  • Einstellung, dass Mitgefühl wichtiger als Ordnung ist und Verantwortung mehr wiegt als Anpassung
  • Intellektuelle und psychische Selbständigkeit, d.h. gewohnt sein, sich ein eigenes Urteil zu bilden und es auszuhalten, nicht zu einer Mehrheit zu gehören.

Ganz schön viel verlangt von uns Erwachsenen... Oder?

Das Kinderbüro bietet einen Workshop zum Thema Zivilcourage für Kinder an. Bei Interesse bitten wir um Kontaktaufnahme unter office@kinderbuero.at.

Interessante Links zum Thema:

Gestärkte Kinderrechte:
Artikel 19: Schutz vor Gewalt und Vernachlässigung
Artikel 24: Recht auf Gesundheit


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Mobbing
und  https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-mobbing/was-ist-mobbing

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Streit

[3] https://www.duden.de/rechtschreibung/Verantwortung

[4] https://www.derstandard.at/story/2000106894860/hilfe-mein-kind-mobbt

[5] https://www.no-blame-approach.de/schritte.html

[6] Bastian, T.: Zivilcourage, Von der Banalität des Guten, Rotbuch: Hamburg 1996

[7] https://www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/konfliktloesung/hintergrundtexte/zivilcourage/nach-till-bastian

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Über die Autorin/den Autor:

Sonja Buchegger

BSc.

Sonja ist im Kinderbüro für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie liebt es Worte an ihren Platz zu bringen und  strukturiert gerne. Oft fragt sie sich, was im Hintergrund passiert. Das mag mit ihrer zweiten Berufung zur Psychotherapeutin zusammenhängen.

Mobbing tut weh!